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Standort für die internationale Fusionsanlage ITER festgelegt
Cadarache in Südfrankreich ausgewählt / Japan erhält Vorzugsbedingungen
27.06.2005
Die Entscheidung für den Bau der internationalen
Fusionstestanlage ITER (lat.: der Weg) ist gefallen: Standort
für die Forschungsanlage wird Cadarache in Südfrankreich; Japan
hat sein Standortangebot Rokkasho zurückgezogen. Dies gaben nach
fast zweijährigen Verhandlungen die Vertreter der Projektpartner
Europa, Japan, Russland, die USA, China und Südkorea
bei einem Treffen in Moskau am 28. Juni 2005 in einer gemeinsamen Erklärung
bekannt.
ITER im Entwurf (Grafik: ITER)
Bereits im Mai hatte man sich in einer bilateralen technischen Vereinbarung
zwischen Japan und Europa auf die Aufteilung der Investitionskosten von
4,6 Milliarden Euro auf den Gastgeber und die übrigen Partner geeinigt:
Der Gastgeber wie jetzt feststeht, Europa übernimmt
die Standortkosten, d.h. 20 Prozent der Gesamtsumme, die Hälfte davon
trägt Frankreich. Die verbleibenden 80 Prozent sind die eigentlichen
Baukosten der Anlage: Europa übernimmt 30 Prozent, Japan, China,
Russland, die USA und Südkorea je 10 Prozent, und zwar im wesentlichen
in Form fertiger Bauteile, die in den jeweiligen Ländern hergestellt
und dann nach Cadarache geliefert werden. Zum Ausgleich für den entgangenen
ITER-Standort werden Japan Vorzugsbedingungen eingeräumt: An die
japanische Industrie werden Fertigungsaufträge im Umfang von 20 Prozent
der Kosten gehen, wobei die Hälfte aus dem europäischen Kostenbeitrag finanziert wird. Auch
20 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter kann Japan stellen. Zudem
wird die EU zu weiteren Forschungsprojekten in Japan beitragen, die das
ITER-Projekt im Rahmen eines breiter angelegten Konzepts ergänzen,
zum Beispiel zu einer Materialtestanlage. Weitere Einzelheiten wie die
Rechtsform des supranationalen Projekts und seine Organisation sollen
in einem späteren Abkommen festgelegt werden.
Wir freuen uns sehr, dass die wichtige ITER-Entscheidung gefallen
ist und ein europäischer Standort ausgewählt wurde, erklärt
Prof. Dr. Alexander Bradshaw, der wissenschaftliche Direktor des Max-Planck-Instituts
für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald. Die europäischen
Fusionszentren müssen ITER nun angemessen unterstützen. Ein
leistungsfähiges begleitendes Fusionsprogramm muss sicherstellen,
dass in Europa und damit auch in Deutschland für den
in rund zehn Jahren beginnenden Forschungsbetrieb genügend Wissenschaftler
ausgebildet werden. Ebenso soll es die Voraussetzungen dafür schaffen,
dass die an der Großanlage ITER erzielten Kenntnisse der Forschung
und Industrie in den beteiligten Ländern zugute kommen und sie in
die Lage versetzen, ein Fusionskraftwerk zu planen und zu bauen.
Der Experimentalreaktor ITER ist der nächste große Schritt
der weltweiten Fusionsforschung. Die Anlage soll zeigen, dass ein Energie
lieferndes Fusionsfeuer möglich ist. ITER wurde seit 1988 in weltweiter
Zusammenarbeit von europäischen, japanischen, russischen und bis
1997 auch US-amerikanischen Fusionsforschern vorbereitet. 2003 haben sich
dem Projekt China und Südkorea angeschlossen; auch die USA kehrten
in die Zusammenarbeit zurück. Mit einer Fusionsleistung von 500 Megawatt
soll ITER erstmals ein brennendes und Energie lieferndes Plasma erzeugen.
Angestrebt wird ein Energiegewinnungsfaktor von mindestens 10: das zehnfache
der zur Plasmaheizung aufgewandten Energie soll als Fusionsenergie gewonnen
werden. Nach einer Bauzeit von etwa zehn Jahren werden rund 600 Wissenschaftler,
Ingenieure, Techniker und übrige Angestellte rund zwanzig Jahre an
der Anlage arbeiten. Die Baukosten belaufen sich auf rund 4,6 Milliarden
Euro, die Betriebskosten einschließlich Rücklagen für
den späteren Abbau werden auf jährlich 265 Millionen
Euro veranschlagt.
Das IPP, eines der größten Fusionszentren in Europa, arbeitet
mit seinem Fusionsexperiment ASDEX Upgrade seit Jahren an ITER-relevanten
Fragen. Die physikalischen Grundlagen für den Testreaktor wurden
in wesentlichen Teilen im IPP entwickelt. Mit seiner ITER-ähnlichen
Geometrie wird ASDEX Upgrade auch in Zukunft eine große Rolle spielen,
zum Beispiel bei der Suche nach optimierten Betriebsweisen für den
Testreaktor. Daneben entwickelt das IPP Teile der Plasmaheizung von ITER
sowie Analyseverfahren für das Plasma. Die internationale ITER-Planungsgruppe
(Joint Work Site Europe) ist seit Projektbeginn 1988 am IPP in Garching
zu Gast. Mit dem Baubeginn von ITER wird sie jedoch zusammen mit Teilen
der ebenfalls am IPP ansässigen Europäischen Technologieplanungsgruppe
EFDA (European Fusion Development Agreement) nach Cadarache bzw. nach
Barcelona in Spanien verlagert, wo die ITER European Legal Entity
ihren Sitz haben wird.
Hintergrund: Energiequelle Fusion
Ziel der Fusionsforschung ist es, ein Kraftwerk zu entwickeln, das
ähnlich wie die Sonne aus der Verschmelzung von Atomkernen
Energie erzeugt. Um das Fusionsfeuer zu zünden, muss der Brennstoff
ein Plasma aus den Wasserstoffsorten Deuterium und Tritium
in Magnetfeldern eingeschlossen und auf hohe Temperaturen aufgeheizt werden.
Ein Gramm Brennstoff könnte 90.000 Kilowattstunden Energie freisetzen
die Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle.
Die Rohstoffe der Fusion sind in nahezu unerschöpflichen Mengen überall
vorhanden. Weil ein Kraftwerk zudem günstige Umwelt- und Sicherheitseigenschaften
erwarten lässt, könnte die Fusion einen nachhaltigen Beitrag
zur Energieversorgung der Zukunft leisten: Fusion ist nach heutigem Wissen
eine katastrophenfreie Technik. Ein Kraftwerk kann so konstruiert werden,
dass es keine Energiequellen enthält, die wenn sie außer
Kontrolle geraten eine Sicherheitshülle von innen zerstören
könnten. Es kann also nicht durchgehen. Als radioaktiver
Abfall bleiben die Wände des Plasmagefäßes zurück,
die nach Betriebsende zwischengelagert werden müssen. Die Aktivität
des Abfalls nimmt rasch ab: nach etwa 100 Jahren auf ein zehntausendstel
des Anfangswerts. Werden spezielle Materialien mit niedrigem Aktivierungspotential
sowie effiziente Rezyklierungsverfahren entwickelt, so wäre nach
hundert Jahren Abklingzeit kein Abfall mehr zu isolieren. Das gesamte
Material wäre dann freigegeben bzw. in neuen Kraftwerken wieder verwendet.
Auf dem Weg zu einem Kraftwerk soll ITER zeigen, dass ein Energie lieferndes
Fusionsfeuer möglich ist. Das Experiment soll damit die Voraussetzungen
für eine Demonstrationsanlage DEMO schaffen, die alle Funktionen
eines Kraftwerks erfüllt. Angesichts von je 30 Jahren Planungs-,
Bau- und Betriebszeit für ITER und seinen Nachfolger DEMO
könnte ein Fusionskraftwerk etwa in 50 Jahren wirtschaftlich nutzbare
Energie liefern.
Isabella Milch
Weitere Informationen erhalten Sie von:
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Boltzmannstraße 2
D-85748 Garching
Tel. 089-3299-1288
Fax: 089-3299-2622
E-Mail Öffentlichkeitsarbeit
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