1. Da mit kommerziellen Fusionskraftwerken erst nach dem Jahr 2050 zu
rechnen ist, kommt die Fusion für die Lösung der globalen Energieprobleme
zu spät.
Der Weltenergieverbrauch wird heute zu 90 Prozent aus fossilen Quellen
gedeckt. Der Anteil Erneuerbarer Energien kann selbst bei energischer
Förderung weltweit nur langsam zunehmen. Auch im Jahr 2050 werden
daher noch erhebliche Kapazitäten an fossilen Kraftwerken bestehen.
Die Internationale Energieagentur erwartet in den kommenden 20 Jahren
sogar eine Zunahme der fossilen Energieerzeugung. Um die Jahrhundertmitte
könnten Fusionskraftwerke ohne Veränderung des Stromsystems
die veralteten fossilen Anlagen ersetzen - zumal dann wegen der immer
schwerer zugänglich werdenden Öl- und Gasreserven ohnehin große
Änderungen in der Energieversorgung erforderlich sind.
Im übrigen sollte nach jetzigen Plänen das erste stromerzeugende
Demonstrations-Fusionskraftwerk bereits ca. 2035 in Betrieb gehen.
2. Fusionsreaktoren enthalten radiotoxische Stoffe.
Dennoch wird ein Fusionskraftwerk günstige Sicherheits- und Umweltweigenschaften
besitzen: Fusionskraftwerke werden sich durch geringen Ressourcenverbrauch
auszeichnen sowie nahezu unbegrenzte, überall zugängliche Brennstoffvorräte.
Konflikte wie um das Erdöl wird es nicht geben. Es entstehen keine
Gase, die das Klima schädigen oder andere toxische Wirkungen entfalten
könnten.
Der Betrieb eines Fusionskraftwerks kann aus prinzipiellen physikalischen
Gründen nicht zu einem Unfall mit katastrophalen Folgen führen.
Auch werden nachfolgende Generationen durch die Abfälle der Fusion
nicht wesentlich belastet. Die Radiotoxizität des Fusionsabfalls
klingt innerhalb weniger Jahrzehnte um viele Größenordnungen
ab.
3. Bis zum Jahr 2050 werden alle erneuerbaren Energien Stromgestehungskosten
aufweisen, die günstiger sind als Strom aus Kernfusion.
Selbst wenn man als langfristiges energiepolitisches Ziel die komplette
Umstellung auf Erneuerbare Energien anstrebt, wäre es fahrlässig,
aus der Erforschung aussichtsreicher Technologien wie der Fusion auszusteigen,
noch bevor die Erneuerbaren Energien ihre Leistungsfähigkeit weltweit
und in großem Maßstab bewiesen haben.
Wirtschaftlichkeit kann sich immer nur in einem bestimmten Ordnungsrahmen
definieren. In Zukunft werden die externen Kosten wohl zunehmend in die
direkten Kosten einfließen, sei es über Steuern oder andere
ordnungspolitische Werkzeuge wie Umweltstandards. In einem solchen Ordnungsrahmen
findet die Fusion sehr wohl ihren wirtschaftlichen Platz, wie in einer
Studie des holländischen Energieinstitutes ECN gezeigt wurde. Obwohl
hier große Kostenreduktionen zum Beispiel bei der Photovoltaik angenommen
wurden, konnte die Fusion erhebliche Marktanteile gewinnen. Auch andere
Studien in Japan und den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
4. Eine Studie der EU macht deutlich, dass im Jahre 2050 Europa vollständig
mit erneuerbaren Energien versorgt werden kann. Wozu also die Fusion weiterverfolgen?
Die Ergebnisse der zitierten Europäischen LTI-Studie setzen einen
erheblich veränderten Lebensstil voraus. Auf diese Weise soll sich
die Europäische Energienachfrage bis zum Jahr 2050 um mehr als die
Hälfte reduzieren. Dazu fordert die Studie zum Beispiel, dass es
2050 keinen innereuropäischen Flugverkehr mehr gibt und die Höchstgeschwindigkeit
bei Zügen auf 200 km/h, bei Autos auf 100 km/h beschränkt sein
soll. Eine solche Entwicklung ist zwar theoretisch denkbar, praktisch
aber nicht sehr wahrscheinlich. Die Studie geht zudem nicht davon aus,
dass in den Haushalten neue Geräte installiert werden könnten.
Nicht einmal ein Computer findet sich in der Liste der Gegenstände,
die in den Haushalten Energie verbrauchen. Aber gerade die Entwicklung
neuer Geräte hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass der
Stromverbrauch immer weiter gestiegen ist.
Nur mit derart extremen Annahmen gelingt es in der LTI-Studie, im Jahr
2050 eine drastisch - um 63 Prozent - reduzierte Energienachfrage zu postulieren.
Die Latte wird damit für die Erneuerbaren nicht hoch gehängt,
zumal die antizipierten Kostensenkungen für Photovoltaik und Solarthermie
sehr optimistisch sind. Da man das Eintreten der meisten Voraussetzungen
der LTI-Studie für mehr als fraglichlich halten kann, wäre es
vermessen, Zukunftsplanungen allein auf diese Studie zu stützen.
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