 |
|
| |
Ausgabe 01/2003 |
| |
|
|
 |
Ausgabe 01/2003
Atommüll
Endlager gesucht
Anfang 1999 gründete das Bundesumweltministerium den Arbeitskreis
Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd).
Unabhängig von der unterschiedlichen Haltung der einzelnen Mitglieder
zur Kernenergie sollte er ein Verfahren entwickeln, mit dem sich ein bestmöglicher
Standort zur sicheren Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland
finden lässt. Über den im Dezember 2002 vorgelegten Abschlussbericht sprach Olivia Meyer mit AkEnd-Mitglied Heinz-Jörg Haury vom GSF-Forschungszentrum
für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München.
Energie-Perspektiven:
Deutschland braucht ein Endlager für radioaktive Abfälle.
Der AkEnd hatte das Mandat, Verfahren für eine Standortauswahl
zu entwickeln. Wurde dieses Ziel erreicht?
Haury: Der
AkEnd hat sich auf ein Verfahren geeinigt, das in mehreren Schritten
sukzessive die Entscheidung über einen Standort herbeiführen
soll. Wir haben harte Kriterien formuliert, die zum Ausschluss von Regionen
führen können. Dies betrifft sowohl geologische Verhältnisse
wie seismische Aktivität als auch sozialwissenschaftliche Aspekte,
zum Beispiel Naturschutzgebiete oder ökonomische Verhältnisse.
Wir haben aber auch Kriterien aufgestellt, die eine Abwägung erlauben,
falls zwei Standorte in Frage kommen.
|
|
|
Die Umfrageergebnisse zeigen das Dilemma: Ein Endlager ist nötig,
aber in der eigenen Region unerwünscht (Grafik: BfS)
|
|
|
Energie-Perspektiven:
Nach der Vorgabe des BMU soll es ein einziges Endlager geben, in dem
schwach-, mittel- und stark radioaktive Abfälle entsorgt werden.
Haben Sie sich im AkEnd bei Ihren Untersuchungen auf diese Option beschränkt?
Haury: Wir
haben auch Alternativen wie die Entsorgung im Weltraum geprüft,
haben sie aber verworfen. Allerdings könnte es von Vorteil sein,
für schwach- bzw. hochradioaktiven Müll verschiedene Endlager
zu haben. Wir haben den Weg vorgeschlagen, ein Endlager zu finden, egal,
ob es sich um ein einziges oder mehrere handelt.
Energie-Perspektiven:
Wie wurde die Öffentlichkeit in Phase I einbezogen?
Haury: Der
AkEnd hat monatlich Gespräche mit einzelnen Gruppen geführt.
Wir haben zwei Zwischenberichte veröffentlich und drei Workshops
veranstaltet. Die dort geäußerten Diskussionsbeiträge
und Anregungen haben wir auch aufgegriffen, zum Beispiel, dass die Länder
an dem Entscheidungsprozess mehr teilhaben müssen.
|
|
|
Die Umfrageergebnisse (Grafik: BfS)
|
|
|
Energie-Perspektiven: In
Phase II soll das Verfahren der Standortauswahl festgelegt werden. Gibt
es überhaupt noch die Möglichkeit, den vom AkEnd vorgelegten
Vorschlag zu verändern?
Haury: Wir
empfehlen, dass eine vom Bundestag eingesetzte Verhandlungsgruppe, in
der relevante gesellschaftliche Gruppen wie Gewerkschaften, Bürgerinitiativen
und energieerzeugende Unternehmen repräsentiert sind, mit der Öffentlichkeit
in Kontakt steht. Auch Einzelpersonen sollen die Möglichkeit haben,
über Briefe oder Internet Kritik und Vorschläge einzubringen.
Das ist weltweit einzigartig: selbst das Verfahren der Standortauswahl
wird noch einmal in der Öffentlichkeit diskutiert. Phase II sollte
sich aber nicht länger als ein bis zwei Jahre hinziehen.
Energie-Perspektiven:
In Phase III wird dann mit fest vereinbarten Regeln - die Suche
nach einem Standort beginnen. Sind die geologischen Voraussetzungen
für ein Endlager in Deutschland gegeben?
Haury: Alle
Experten sind der Ansicht, dass es geeignete Plätze gibt. Aber
auch Phase III ist noch immer entscheidungsoffen. Die Menschen in den
betroffenen Regionen sollen die Möglichkeit haben, sowohl den ober-
als auch den untertägigen Erkundungen zuzustimmen oder diese abzulehnen.
Selbst nach den Erkundungen können sie noch ein Veto einlegen,
bevor die Bundesregierung über den Standort entscheidet. Das war
einer der Punkte, in dem es erst nach langen Diskussionen zu einem Konsens
gekommen ist.
In dieser Phase wird es auch wichtig sein, der betroffenen Bevölkerung
Kompetenz zur Seite zu stellen. Zum einen, um zu kontrollieren, ob alle
Verfahrensschritte eingehalten werden. Zum andern, damit sich jeder,
der Fragen hat, an einen Fachmann seines Vertrauens wenden kann. Geplant
ist ferner, ein Strukturprogramm für die ausgewählte Region
zu entwickeln. Die Menschen dort erfüllen eine wichtige gesellschaftliche
Aufgabe, und es ist sinnvoll, dass sie auch eine wirtschaftliche Zukunft
haben.
|
|
|
Ein Einlagerungsfeld im Endlager Morsleben für schwach radioaktive
Abfälle (Foto: BfS)
|
|
|
Energie-Perspektiven: Wann
glauben Sie, wird es in Deutschland ein Endlager geben?
Haury: Durch
die hohe Beteiligung der Bevölkerung von Anfang an wollen wir unter
anderem langwierige Gerichtsverfahren vermeiden, die die Standortauswahl
und die Fertigstellung eines Endlagers verzögern würden. Dennoch
ist die Zielvorgabe von 2030 extrem ehrgeizig.
Für die Erkundungsphase müssen wir mindestens 15 Jahre rechnen,
die Errichtung des Endlagers wird weitere zehn Jahre dauern. Wir werden
dann möglicherweise vor dem Problem stehen, dass es zwar einen
Standort gibt, aber keine kompetenten Fachleute mehr, um das Endlager
zu bauen.
Olivia Meyer
Weitere Informationen:
Auswahlverfahren für Endlagerstandorte. Empfehlungen des AkEnd -
Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte. Dezember 2002 (Download .pdf 1,6 MB)
|
|