Der Betrieb eines Fusionskraftwerkes kann aus prinzipiellen physikalischen
Gründen nicht zu einem Unfall mit katastrophalen Folgen führen.
Auch werden nachfolgende Generationen durch die Abfälle der Fusion
nicht wesentlich belastet. Die Radiotoxizität des Fusionsabfalls
klingt innerhalb weniger Jahrzehnte um viele Größenordnungen
ab.
Es ist damit möglich, dass bezüglich der Nachhaltigkeit die
Kernfusion anderen innovativen Energieversorgungtechniken nicht nur ebenbürtig,
sondern überlegen ist. Deshalb wäre es notwendig, alle Technologien
ebenso umfassend zu bewerten, wie dies für die Kernfusion seit langer
Zeit geschieht. Die Kernfusion wird wohl mit Recht als die am besten untersuchte
Zukunftstechnologie betrachtet, als "possibly the most reviewed science
and technology program in history², so eine von IANUS und Öko-Institut
Darmstadt im Auftrag des Schweizer Wissenschaftsrat herausgegebene Studie.
Radioaktive Abfälle eines Fusionskraftwerks
Ein Fusionskraftwerk enthält bis auf den Brennstoff Tritium zunächst
keine radioaktiven Materialien. Aktiviertes Material entsteht erst beim
Betrieb durch den Beschuss der Gefäßwände durch die Fusionsneutronen.
Seine Eigenschaften hängen damit von der Zusammensetzung des Plasmagefäßes
ab und sind in Maßen wählbar. Die Entwicklung niedrig-aktivierbarer
Stähle ist daher ein wichtiges Ziel der Materialforschung.
Die Halbwertszeiten der meisten Stähle liegen im Bereich einiger
Jahre und sind damit wesentlich geringer als die der Aktiniden in Spaltreaktoren
(mit bis zu 100 000 Jahren). Deshalb fällt auch die Radiotoxizität
des Fusionsabfalls in 50 bis 100 Jahren um mehrere Größenordnungen
ab. Je nach Zusammensetzung der Strukturmaterialien ist - nach 50 bis
500 Jahren - die Radiotoxizität des Fusionsabfall auf das Niveau
der Asche eines Kohlekraftwerkes abgesunken, das die gleiche Menge an
Energie erzeugt hat. (Kohleasche enthält die natürlichen Isotope
Kalium-40, Thorium-232, Uran-235 und Uran-238.) Die Masse der Kohleasche
übersteigt dabei die Masse des Fusionmaterials um etwa den Faktor
300.
Von der Gesamtmasse des Fusionsabfalls - etwa 65 000 Tonnen - können
30 bis 40 Prozent nach maximal 100 Jahren Abklingzeit unbegrenzt freigegeben
werden. Für weitere 60 Prozent kommt ein ganzes Spektrum von Maßnahmen
in Frage. Je nach Aufwand - Bearbeiten ?von Hand¹ bis hin zu ?komplexer
Fernhantierung¹ - ist sowohl vollständige Rezyklierung und Verwendung
in neuen Kraftwerken möglich als auch teilweise Rezyklierung oder
Endlagerung. Der Rest des Materials - ein bis einige Prozent - ist langlebig.
Dieser Anteil ist so gering, weil fusionsspezifische Materialien entwickelt
wurden, die keine Legierungselemente wie Nickel, Molybdän, Kobalt
oder Niob enthalten, aus denen langlebige Aktivierungsprodukte entstehen
könnten. Praktisch das gesamte Periodensytem der chemischen Elemente
wurde hierzu im EU-Fusionsprogramm systematisch bewertet. Gemäß
derzeitiger EU-Regelung zu Sicherheit und Strahlenschutz würden die
langlebigen Materialien in ein Lager verbracht, das wegen der vergleichsweise
geringen Radiotoxizität wohl nicht tiefer als etwa 50 Meter sein
müsste.
Unfallgefahr in einem Fusionskraftwerk
Bei der Fusion kann es nicht zu einer Kettenreaktion kommen. Der Brennstoff
- etwa 1 Gramm in der Brennkammer - wird kontinuierlich nachgefüllt.
Durch Abschalten der Brennstoffzufuhr läßt sich die Energieproduktion
in rund 10 Sekunden stoppen. Insgesamt ist es sehr schwierig, in einem
Fusionsplasma den Zustand zu erreichen, in dem Fusion möglich ist.
Durch jede Störung - zum Beispiel Temperatur- oder Dichteanstieg
- wird dieser enge Parameterbereich verlassen und die Fusionsreaktionen
erlöschen. Das Kraftwerk schaltet sich damit selbständig ab;
alle noch vorliegenden Wärmequellen führen ihre Energie durch
passive Kühlung ohne Pumpen an die Umwelt ab. Selbst ein vollständiger
Verlust der Kühlung kann nicht zur Freisetzung erheblicher Mengen
radioaktiven Materials führen. Die Temperatur in der Fusionsanlage
würde auch dann deutlich unter der Schmelztemperatur der Strukturmaterialien
bleiben. Diese positive Eigenschaft von Fusionskraftwerken wird allerdings
nur bei sorgfältiger Auswahl von Strukturmaterialien und einer geeigneten
Konstruktion erzielt. Für ITER ist diese Eigenschaft nachgewiesen.
Zu einer Gefährdung der Öffentlichkeit kann es kommen, wenn
die Sicherheitsumhüllungen beschädigt werden. Nach heutiger
Kenntnis scheint es unmöglich, die mehrfachen Lagen der Sicherheitshüllen
von innen heraus zu zerstören. Hierfür sind in einer Fusionsanlage
die Energieinventare zu niedrig.
Nur durch ein unvorhergesehenes externes Ereignis - etwa ein Erdbeben,
das die Stärke historischer Erdbeben erheblich überschreitet
- könnten die Sicherheitshüllen beschädigt werden. Jedoch
wären selbst bei diesem denkbar größten Unfall die Auswirkungen
auf die Umgebung begrenzt: Legt man der Analyse deutsche Richtlinien zur
Evakuierung der Bevölkerung zugrunde, könnten bei ungünstigen
Wetterbedingungen maximal einige Quadratkilometer betroffen sein, allerdings
nicht für lange Zeit: Freigesetztes Tritium hat eine biologische
Halbwertszeit von etwa 10 Tagen. Nach dieser Zeit verschwindet es fast
völlig aus den Organismen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Wie
Langzeitmessungen von Tritium in Erdböden zeigen, nimmt der Tritiumgehalt
in einem Jahr um einen Faktor 1000 ab.
Wirtschaftlichkeit von Fusionskraftwerken
Die Stromgestehungskosten der Fusion - die Bau, Betrieb und Abbau des
Kraftwerks sowie Lagerung der Rückstände berücksichtigen
- dürften bei der zehnten Anlage einer Art zwischen 12 und 20 Pf/kWh
liegen. Die Abschätzung beruht auf Kraftwerks-Studien sowie den Erfahrungen,
die während der ITER-Entwicklung gemeinsam mit der Industrie gesammelt
wurden. Dabei wurden für die wesentlichen ITER-Komponenten Prototypen
gebaut, die eine relativ sichere Grundlage für Kostenschätzungen
liefern.
Die wirtschaftliche Attraktivität einer Energiequelle wird aber nicht
nur durch den Strompreis bestimmt, sondern auch durch Akzeptanz, Ressourcen
und Umweltaspekte. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet stellt die
Fusion eine schier unerschöpfliche also quasi erneuerbare Energiequelle
mit günstigen Umwelteigenschaften dar.
Fusion und künftige Versorgungs- und Verbrauchsstrukturen
Zahlreiche Studien sagen einen deutlichen Anstieg der Weltenergienachfrage
vorher. Allein Indien wird seinen Energieverbrauch in diesem Jahrhundert
wohl versechsfachen, für China gilt ähnliches, von vielen Ländern
Afrikas ganz zu schweigen. Zur Zeit wird die weltweite Energienachfrage
zu 90 Prozent mit fossilen Energieträgern gedeckt. Obwohl Kohle,
Öl und Gas - wegen Klimaveränderung, Ressourcenknappheit und
Vermeidung geopolitischer Konflikte - möglichst rasch durch andere
Energieträger abgelöst werden sollten, spricht vieles dafür,
dass ihr hoher Anteil noch einige Jahrzehnte erhalten bleibt: In den Industrieländern
bestehen feste, nur langsam veränderliche Energieversorgungsstrukturen;
in den Schwellen- und Entwicklungsländern zwingt die Kapitalknappheit
dazu, die billigste Lösung zu implementieren. Das bedeutet zumindest
für Indien und China die intensive Nutzung der heimischen Kohle.
Für den Ersatz fossiler Energieträger ist Fusion eine wichtige
Option, u.a. weil sie sich gut in die bestehenden Versorgungsstrukturen
einpasst: Wo heute ein großes Kohle-, Gas- oder Kernspaltkraftwerk
steht, kann später ein Fusionskraftwerk stehen. In einer detaillierten
Studie des niederländischen Energieinstitutes ECN wurde untersucht,
unter welchen Bedingungen Fusion wenn sie im Jahr 2050 bereit steht
Eingang in den europäischen Energiemarkt findet. Die Antwort lautet:
Fusion wird gebraucht, wenn die Emission an Treibhausgasen deutlich reduziert
und die Kernspaltung nicht weiter ausgebaut werden soll. Dann könnte
Fusion im Jahr 2100 etwa 20 bis 30 Prozent des europäischen Strombedarfes
decken.
Hauptkonkurrenten der Fusion sind dabei Kohle und Kernspaltung. Während
ein starker Ausbau von Kohle- oder Kernspaltenergie die Ausbreitung der
Fusion verhindern würde, entwickeln sich Fusion und Erneuerbare parallel,
was sich durch die sehr unterschiedliche Charakteristik der Techniken
erklärt: Fusion bedient in erster Linie die Grundlast, wofür
Wind- und Sonnenkraftwerke wegen ihrer intermitterenden Leistungsabgabe
nicht geeignet sind, solange nicht Speicher mit großer Kapazität
zur Verfügung stehen.
Die ECN-Studie zeigt, dass Fusion dort die meisten Marktanteile gewinnt,
wo die geforderte Reduktion der Treibhausgase am striktesten ist. Zwar
werden kurz- und mittelfristig CO2-Einsparungen möglich, indem Kohle
durch Gas ersetzt wird. In der zweiten Jahrhunderthälfte müssen
die Gas-Kraftwerke aber ersetzt werden - die Fusion bietet sich an. Im
globalen Blickwinkel wird die Bedeutung der Option Fusion noch deutlicher:
In Ländern wie Indien und China sind in den nächsten Jahrzehnten
fast nur Kohlekraftwerke geplant. Kraftwerke und Infrastruktur sind auf
Lebenszeiten von 30 bis 40 Jahren ausgelegt - zu dieser Zeit soll DEMO
mit der Stromerzeugung beginnen.
Weitere Informationen:
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
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Tel. 089-3299-1288
Fax: 089-3299-2622
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Das IPP kommentiert: Anhörung zur
Fusionsforschung